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Zwei-Reiche-Lehre


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Viele Christen erleben, dass es oft unmöglich ist, voll nach ihrem Glauben zu leben: Ein Minister, Lehrer, Soldat oder Personalleiter kann sein Amt nicht im buchstäblichen Sinne nach den Forderungen der Bergpredigt ausüben.

Der Reformator Martin Luther erklärte das damit, dass es seit dem Kommen Jesu zwei »Reiche« gibt: In dem einen (geistlichen) herrscht schon das Evangelium, in dem anderen (weltlichen) aber noch die Sünde. Um die Welt vor der Zerstörung durch das Böse zu bewahren, hat Gott die »Obrigkeit« und Ordnungen wie z. B. Ehe und Familie eingesetzt. Diese sind zwar im wesentlichen noch vom »Gesetz« bestimmt, und auch Christen müssen sich dem anpassen; aber sie können und sollen dabei schon die gute Nachricht von der Liebe Gottes bezeugen und so auch anderen helfen, zu Bürgern im Reich Gottes zu werden.

Christen und Kirchen sollen also die Verantwortung und Macht »weltlicher« Ämter achten; diese wiederum sollen nicht in das Amt der Kirche eingreifen.

Diese Lehre ist zeitweise missverstanden worden. Sie musste als Entschuldigung dafür dienen, dass auch Christen in dieser Welt ohne Gesetz und Zwang nicht auskommen, also auch einer ungerechten Obrigkeit gehorchen sollen und nur als einzelne und in der Kirchengemeinde nach ihrem Glauben leben. Politiker und manche Kirchenführer nahmen sie als Begründung für ihre Meinung, dass sich die Kirche nicht in die Politik einmischen solle.

Demgegenüber haben andere Theologen (z. B. Karl Barth) gelehrt, dass das in Jesus gekommene Reich Gottes unteilbar ist. Es kann als Angebot und Anspruch geglaubt und vertreten werden, auch wenn es in dieser Welt noch nicht zu verwirklichen ist.

In der Diskussion um die Sicherung des Friedens spielt die »Zwei-Reiche-Lehre« eine wichtige Rolle. Manche Christen halten – trotz aller Friedensliebe – Armeen und Waffen für unverzichtbar, weil eben die Menschen nicht gut sind. Andere christliche Gruppen vertreten einseitige Abrüstung, Gewaltverzicht und soziale Verteidigung auch als politische Zielsetzung.