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Neuheidentum


CC-BY  Ingo Koll Nachschlagen

Mit dem Begriff »Neuheidentum« bezeichnet man Religionen und Kulte aus vorchristlicher Zeit, die von Gruppen seit dem 19. Jahrhundert wiederbelebt und praktiziert werden und vor allem in Europa und Nordamerika anzutreffen sind. Oft sind es Naturreligionen, keltische oder germanische Religionen, die vom Christentum ausgelöscht oder deren Kulte im christlichen Sinne umgedeutet wurden. In jüngerer Zeit wird auch Bezug auf wirkliche oder angebliche Vorstellungen von Schamanen und Hexen genommen. Man spricht deshalb auch von Neu-Germanen, Neu-Kelten, Neu-Schamanen und Neu-Hexen.

Grundlage der Wiederbelebung des Neuheidentums war die Unzufriedenheit mit dem Christentum als vorherrschender Religion. Dagegen wurde die Forderung gestellt, man müsse zurück zu den Wurzeln des eigenen Volkes, also zurück zu den Germanen oder zurück zu den Kelten. Das Hauptproblem dieser Versuche sind jedoch die unzureichenden Kenntnisse über die vorchristliche Religion der alten Germanen oder Kelten. Die wenigen Informationen stammen aus Beschreibungen von christlichen Mönchen zur Zeit des Mittelalters oder älteren römischen Schriften.

In diesem Zusammenhang ist die Frage zu stellen, ob die vorliegenden Beschreibungen stimmen. Die christlichen Mönche schrieben zu einer Zeit auf, als die alten Vorstellungen schon ganz oder fast ausgestorben waren. Die Römer schrieben über die Germanen, weil sie sich entweder selber loben wollten, sie besiegt zu haben (wie Caesar, der die Germanen deshalb ungeheuer wild und stark aussehen ließ) oder weil sie eigentlich ihre Mitrömer kritisieren wollten, und deshalb die fernen Germanen als Vorbilder von guten Sitten ausschmückten.

Die Vertreter des Neuheidentums sind sich allerdings ganz sicher, dass sie genug wissen um die alten Religionen wiederzubeleben. Einige von ihnen behaupten sogar, dass ein geheimes Wissen in ihrer Familie, in einer bestimmten Gegend oder in geheimen Schriften überlebt haben soll und deshalb jetzt fortgeführt werden kann. Diese Behauptungen konnten noch nie belegt werden.

Bild Die Vorstellungen der neuheidnischen Gruppen sind sehr unterschiedlich, aber es gibt auch Gemeinsamkeiten. So veranstalten viele Gruppen Feiern zu bestimmten Zeiten (z.B. Sommer- und Wintersonnenwende), um ihre Götter anzurufen. Solche Feiern finden in freier Natur an Orten statt, die man für vorchristliche Kultstätten hält (Hühnengräber, Felsen, Waldquellen). Man bringt Trankopfer für Wotan, Thor oder Freia dar. Dabei bemühen sich Neuheiden um große Naturverbundenheit. Die Erde wird als Mutter angesprochen und als heilig und Kraftquelle angesehen.

Die Verherrlichung der Germanen führt deutsche Neuheiden auch immer wieder in eine Nähe zum Nationalsozialismus, in dem auch die Verehrung der alten Germanenbräuche sehr wichtig war. So wurden Hitler und andere NS-Größen unter anderem vom damaligen Neuheidentum in ihren rassistischen Anschauungen geformt. Von den Anhängern des Neuheidentums um 1900 ist eine große Zahl im Nationalsozialismus gelandet. Die meisten heutigen Neuheiden lehnen allerdings den Rechtsextremismus entschieden ab.

Eine kritische Beschreibung des Neuheidentums und Beispiele für neuheidnische Rituale finden sich im Internt.