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Individualgericht


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Ebenso wie die Jüdische Bibel so kennt auch das Neue Testament nicht eine Vorstellung von Himmel und Hölle. Es entwickeln sich vielmehr verschiedene Vorstellungen.

Wie geht es nach dem Tod weiter? Viele Ideen in der Christenheit.
So ergibt sich im Laufe der Jahrhunderte eine vielstimmige Sicht auf das angenommene Sein nach dem Tod:
Neben dem Himmel bzw. der Hölle als dem Ort der ewigen Verdammnis bzw. „der ewigen Freuden“, gibt es ein Fegfeuer, ein Partikulargericht und sogar eine Vorhölle.

In der frühen christlichen Tradition entwickelte sich die Vorstellung eines Vorgangs, in dem die Seele des Verstorbenen gerichtet wird und an dem sich mit Blick auf den Glauben an Christus entscheidet, ob er Anteil haben wird am ewigen Leben.

Im paulinischen Schrifttum findet sich die Vorstellung, dass die Verstorbenen am Tag des (Welt)Gerichts durch Posaunenschall geweckt würden. Bis dahin jedoch verbleiben sie an einem Ort. Da die neutestamentliche Lehre jedoch zwischen Seele und Fleisch zu unterscheiden vermochte, dachte man mit der Zeit, dass das Fleisch auf seine Auferstehung „wartet“, während mit der Seele bereits etwas geschehen müsse.

Individual- oder Partikulargericht
Verdammte und Erlöste bzw. deren Seelen erwarten beide die „Auferstehung des Fleisches“, allerdings erst am Ende der Tage.
Die spätere Lehre vom Fegfeuer machte es sogar zwingend, ein vom (letzten) Weltgericht separates Gericht, das sogenannte Partikular- oder Individualgericht anzunehmen.
Nach dieser ersten, „individuellen“ Verurteilung gelangte der gute Mensch zur Reinigung ins Fegfeuer, das somit den durchaus positiven Status eines „Vorhimmels“ erhielt, der böse Mensch jedoch gelangte in die Hölle, aus der es kein Entrinnen mehr geben kann.

Gegenverkehr im Himmel
Das nun entstehende Paradoxon – dass nämlich zweimal Gericht gehalten wird – nahm man anscheinend in Kauf.
Ebenso die „Wanderung“ der Gläubigen im Himmel:
Nach dem Individualgericht gelangen die guten Seelen ein erstes Mal in den Himmel bzw. in das Fegfeuer zur Reinigung.
Die Seelen der Schlechten kommen in die Hölle.
Zur späteren, endzeitlichen Auferstehung des Fleisches mit anschließendem Weltgericht müssen jedoch alle Seelen ihre zugewiesenen Orte verlassen: Sie werden erneut gerichtet und gelangen danach wieder zurück in den Himmel oder die Hölle.

Greshake, Gisbert (Hg.): Ungewisses Jenseits? Himmel - Hoelle - Fegfeuer (Schriften der Katholischen Akademie in Bayern 121), Duesseldorf 1986. François Vouga: Geschichte des fruehen Christentums. Francke, Tuebingen ? Basel 1993.