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Ägypten (Flucht nach)


CC-BY  Georg Dr. Glonner Nachschlagen

Ägypten ist für Israel Prototyp der Gefangenschaft und Sklaverei – mehr noch als das Exil in Babylon. Wie ist es unter diesem Aspekt zu verstehen, dass Joseph mit Maria und dem Jesuskind gerade nach Ägypten flieht? Arabien (das Nabatäerreich) etwa wäre viel näher gewesen.
Man könnte veruchen, diesen Passus bei Lk damit zu erklären, Jesus habe den Exodus nachzeichnen wollen. Nur passt das überhaupt nicht in den Kontext.
Bemerkenswerter scheint, dass dieses Motiv in einem größeren Zusammenhang gesehen werden muss: alle Schriften des Paulus und der Paulusschüler (u.a. Mk; Lk) legen besonderen Wert darauf, dass die Römer gut wegkommen und alle Schuld am Scheitern Jesu und seiner Kreuzigung den Juden zur Last gelegt wird. Das ist vor dem historischen Hintergrund zu sehen, dass sich die junge Kirche bemühte, von den Römern nicht mit den widerspenstigen, aufständischen und aufrührerischen Juden in Verbindung gebracht zu werden (48: Ausweisung des Claudius aus Rom, 70: Jüdischer Krieg, 117: Aufstand, 132-135: Bar-Kochba-Krieg).
Entsprechend günstig kommt Pontius Pilatus weg, dem die Kreuzigung Jesu von den Juden gegen seinen Willen regelrecht aufgezwungen wird. Der wahre Pilatus war erwiesenermaßen brutal und ein Judenhasser. Es sieht ihm vielmehr gleich, dass er die Hinrichtungen provokativ just auf den Paschatag selbst legt, wie es Johannes schreibt.
Ägypten war zu jener Zeit Privateigentum des Kaisers. Im Gegensatz zu allen anderen Provinzen des Reiches war hier auch kein Prokonsul / Proprätor aus senatorischem Stand vorangestellt, sondern ein Präfekt aus dem Ritterstand als direkter kaiserlicher Stellvertreter. Wenn also Lk Jesus aus dem herodianischen Israel ins kaiserliche Ägypten fliehen lässt, so stellt der Evangelist damit überdeutlich seine prorömische Einstellung heraus: Der Jesusknabe sucht Schutz vor den Juden und vertraut sich der Obhut des Kaisers persönlich an!